Opfer werden zum Schweigen verdonnert
Christoph Bernarding - Autor bei StreamProject Autoren @Christoph Bernarding, Redakteur bei StreamProject
Christoph Bernarding
  • Lieblings-Streamer: Critical Role

  • Lieblings-Spiel: World of Warcraft

  • Fun-Fact: Lief vor ein paar Jahren den kompletten Jakobsweg

Sexueller Missbrauch auf Twitch: Neue Welle von Anschuldigungen

Veröffentlicht am 26. Juni 2020 von Christoph Bernarding

Selbst in unserer heutigen Zeit, die sich gerne als fortgeschritten präsentiert, sind mit Belästigungen (und ähnlichen Vorkommnissen) nach wie vor unzählige Stigmata verbunden, welche die Opfer oftmals zum Schweigen verurteilen. Es ist dieses Gefühl der Machtlosigkeit, der Angst, völlig allein zu sein, da die Täter in vielen Fällen wesentlich mehr Einfluss in den entsprechenden Branchen genießen und diese Verhältnisse auszunutzen wissen.

Dies hat nicht zuletzt die #MeToo-Bewegung offenbart. In den vergangenen Tagen wurde nun auch mehr und mehr sexueller Missbrauch auf Twitch bzw. im direkten Umfeld einiger Streamer sowie der Gaming-Szene im Allgemeinen bekannt. Es äußern sich hauptsächlich Frauen über zum Teil schockierende Zustände und bringen schwerwiegende Anschuldigungen hervor, die von unpassenden Flirtversuchen bis hin zu mehrfacher Vergewaltigung reichen.

Deshalb an dieser Stelle eine TRIGGER-WARNUNG an all unsere Leserinnen und Leser, die sich mit diesen Themen befassen. Zugleich möchte das Team von StreamProject seine uneingeschränkte Solidarität zu den Betroffenen aussprechen, die unter sexuellem Missbrauch auf Twitch oder Belästigungen in irgendeiner Form leiden.

Sexueller Missbrauch auf Twitch betrifft auch verbundene Unternehmen

Quelle: Facebook-Seite der OP Group

Sexueller Missbrauch auf Twitch: Die Hintergründe

Twitch als Streaming-Portal hat zurzeit mit vielfältigen Problemen zu kämpfen, die von der Führungsetage bis auf die technische Ebene reichen, wie kürzlich zum Beispiel vereinzelte Urheberrechtsansprüche unter Beweis stellten. Jetzt kam eine weitere Dimension hinzu: Sexueller Missbrauch auf Twitch und hinter den Kulissen, der durch diverse Vorwürfe die Öffentlichkeit erreichte. In der Regel kam dabei die Plattform Twitter zum Einsatz.

Ein prominentes Beispiel zu Beginn dieser Welle an Informationen, die immer mehr Opfern die Kraft gibt, ihre Geschichte zu erzählen, war der Fall Omeed Dariani. Als CEO der Online Performers Group (OPG) war Dariani direkt oder indirekt in das Management etablierter Streamer wie CohhCarnage verwickelt. Molly Ayala, die mit Dariani und OPG in engem Kontakt stand, beschuldigte den CEO in einem Tweet einem krassen Fehlverhalten, das bis zu höchst unangebrachten sexuellen Avancen reichte, die Dariani zunächst vehement abstritt, später aber eingestand. Viele Klienten der OPG zogen daraus ihre Konsequenzen und verließen das Unternehmen.

Method zeigte über mehrere Stunden dieses Standbild

Quelle: Twitch-Stream von Method

Weitreichende Folgen

Wie sich herausstellte, war dieser Vorfall nur die Spitze des Eisbergs. Sexueller Missbrauch auf Twitch scheint in einer Vielzahl der Strukturen oder damit verbundenen Organisationen ähnlich den Verhältnissen in anderen Entertainment-Bereichen zu existieren. Eine recht gute Übersicht über die ganze Situation kannst Du in diesem Reddit-Thread finden.

So sieht sich unter anderem E-Sports-Riese Method mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Einmal brachte die Streamerin Annie Fuchsia die dunklen Seiten des Co-CEOs Sascha Steffens ans Licht, der sich bei einem gemeinsamen Aufenthalt in Los Angeles über Wochen hinweg (aus ihrer Sicht) vollkommen ungebührlich verhielt, während er de facto als ihr Vorgesetzter galt.

Zum anderen wären da die wirklich verstörenden Vorfälle rund um den Streamer und World-of-Warcraft-Raider MethodJosh. Morddrohungen, sexuelle Belästigung von Minderjährigen sowie Vergewaltigungsvorwürfe, die bis zur Polizeianzeige reichten, zeichnen ein beängstigendes Bild, besonders falls die Entscheidungsträger bei Method Bescheid wussten.

Korrektes Verhalten

In Hinblick auf MethodJosh zog Twitch schnell die Reißleine: Der Streamer wurde bereits Mitte 2019 gebannt. Die genauen Gründe für diesen Bann sind jedoch nach wie vor unbekannt und es bleibt fragwürdig, wie viel Twitch oder Method wirklich über das Ausmaß wussten. Denn ein Punkt sollte an dieser Stelle unbedingt erwähnt werden: Wenngleich sexuelles oder soziales Missverhalten in den meisten Fällen schwer zu belegen ist, muss die Community stets eindeutige Beweise verlangen, bevor einzelne Streamer verurteilt werden.

AngryJoe, der vor allem durch seine YouTube Videos bekannt ist, sah sich nämlich ebenfalls schlimmen Unterstellungen ausgesetzt, die das vermeintliche Opfer nach Androhung von rechtlichen Schritten fallenließ. Als Content Creator kann der mit solchen Bekenntnissen – ob wahr oder erfunden – einhergehende Imageverlust schnell das Ende einer Karriere bedeuten. Es ist deshalb enorm wichtig, sich auf die Fakten zu berufen, was sexueller Missbrauch auf Twitch anbelangt.

Geht Twitch mit der Situation korrekt um?

Quelle: Blog von Twitch

Sexueller Missbrauch: Wie reagiert Twitch heute?

Twitch veröffentlichte im Zuge der neusten Vorwürfe einen Blogpost, der zwar klar Stellung bezog und mit permanenten Sperrungen drohte, gleichzeitig aber auf die angesprochene Schwierigkeit der Beweisfindung zu sprechen kam. Häufig fanden die Übergriffe abseits der Plattform statt, sodass zusätzliche Untersuchungen durchgeführt werden müssen, bevor Twitch die nächsten Schritte unternehmen kann. Zudem zeigen Maßnahmen wie die Gründung des Sicherheitsbeirats, dass das Team von Twitch sich seiner Verantwortung bewusst ist.

Allerdings betreffen manche Anschuldigungen die Mitarbeiter von Twitch selbst. Hassan Bokhari, der in seiner Rolle bei Twitch unter anderem die Abwicklung des Partner-Status eines Streamers beeinflusst, soll diese Verwundbarkeit nach Angaben einer Streamerin schamlos ausgenutzt haben. Sogar dem CEO der Firma, Emmett Shear, wird vorgeworfen, mit unvorsichtigen Äußerungen eine falsche Unternehmenskultur zu fördern.

Die Streaming-Industrie befindet sich also in Aufruhr. Erschreckend viele etablierte Institutionen scheinen in der ein oder anderen Form von den Vorwürfen betroffen zu sein. Sexueller Missbrauch auf Twitch oder in welcher Form auch immer muss ein Ende haben.

Wie hast Du all diese Neuigkeiten aufgenommen? Siehst Du die Schuld bei den Individuen oder erkennst Du ein System, das dabei versagt, dieses Verhalten strikt zu unterbinden? Wir sind an Deiner Meinung sehr interessiert.

 

Titelbild Quelle: Kat Jayne auf Pexels
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